Schloss Hohenlimburg ist das erste Ziel auf der LUEG STERNSTUNDEN Schlössertour.

Von der Schwarzen Hand zum Goldkopf Barbarossas – Schlössertour (Teil 4)

Gut 300 prächtige Burgen und Schlösser sind im Ruhrgebiet und im Münsterland zu entdecken – am besten bei einer Tour mit außergewöhnlichen Fahrzeugen. Buchautor und Schlosskenner Gregor Spohr stellt exklusiv für die LUEG STERNSTUNDEN die schönsten Ziele in einer Serie vor. Den Abschluss bildet die Tour im Osten des Ruhrgebiets von Hagen nach Selm. Lesen Sie selbst…

Das holprige Kopfsteinpflaster hinauf zum ersten Torhaus schluckt er noch, wenn
auch widerwillig. Aber vor dem engen Torhaus endet die Fahrt. Wir stehen vor Schloss Hohenlimburg in Hagen, der einzigen praktisch unverändert erhaltenen Höhenburg  Westfalens. Dieses mittelalterliche Bollwerk auf dem Bergsporn am Flüsschen Lenne mag sich als romantische Hintergrund-Kulisse eignen – erobern lässt sie sich von meinem Renner nicht. Schnell ist er – aber nicht schmal.

Darf ich vorstellen: 6,3 Liter-V12-Motor, 740 PS, in 3,1 Sekunden auf 100 km/h, in 8,5 Sekunden auf 200 km/h. Und dass der Tacho bei 300 nicht aufhört, muss man
wohl nicht erwähnen. Sein Name: Ferrari F12berlinetta (Kraftstoffverbrauch mit HELE System (l/100 km, kombiniert/innerorts/außerorts): 15,0/21,9/10,9. CO2-Emissionen mit HELE System (g/km, kombiniert): 350).* Aktuell der schnellste für die Straße zugelassene Ferrari. Der Begriff „Berlinetta“ steht für eine kleine Limousine – die italienische Verkleinerungsform von „Berlina“. Neben dem F12 wirkt sein Begleiter auf dieser Tour fast wie ein Spielzeug-Auto: zierlich, elegant, edel. Sein Besitzer Arnold Gardemann, viele Jahre Präsident des Ferrari-Clubs Deutschland (FCD), hat aus seinem Stall dieses ganz besondere Pferdchen mitgebracht: Einen von Pininfarina gestylten Alu-Ferrari 275 GTB „Longnose“, der in den Jahren 1966 bis 1968 gebaut wurde und von dem es keine 70 Exemplare mehr gibt.

Ein mörderisches Erbe 
Sie beginnt mit einem Mord, die Geschichte von Schloss Hohenlimburg. 1225 wurde der Kölner Erzbischof Engelbert von seinem Neffen, Graf Friedrich von Isenberg, nahe Gevelsberg umgebracht. Friedrich wurde gefasst und hingerichtet, seinem Sohn Dietrich machten die Grafen von der Mark das Erbe streitig. Dietrich wehrte sich erfolgreich, ließ auf dem Berg die „Neue Limburg“ (seit 1879 „Hohenlimburg“) errichten und unterzeichnete 1243 mit den Grafen von der Mark einen Friedensvertrag.

Schon 1592 kam die Hohenlimburg in den Besitz der späteren Fürsten zu Bentheim-Tecklenburg-Rheda, denen sie auch heute noch gehört. Heute firmiert sie als gemeinnützige GmbH, lässt die Besucher im Schlossmuseum höfische Wohnkultur und fürstliche Prachtentfaltung des 19. Jahrhunderts erleben, beheimatet das Deutsche Kaltwalzmuseum, bietet Brautpaaren den romantischen Rahmen für die Hochzeit und lockt mit bunten Märkten und Veranstaltungen. Und wer sich gruseln möchte, der betrachtet das berühmteste Ausstellungsstück des Museums: die „Schwarze Hand“ – eine mumifizierte Hand aus dem 16. Jahrhundert, um die sich viele Legenden ranken.

Der Stolz Italiens in Aplerbeck
27 Kilometer weiter Richtung Norden das zweite Ziel: Haus Rodenberg. Wenig Gelegenheit, unsere Ferraris von der Leine zu lassen. Dafür neugierige, neidische, bewundernde Blicke an jeder Ampel. Und als wir vor dem „Castello Rodenberg“ parken, ist Familie Giampaolo buchstäblich ganz aus dem Häuschen: Der Stolz der italienischen Automobilindustrie vor ihrem Ristorante, mamma mia, was für ein Tag! Haus Rodenberg liegt mitten im Dortmunder Stadtteil Aplerbeck. Nur noch die Vorburg mit den Wirtschaftsgebäuden lässt die einstige Pracht des Wasserschlosses erahnen. Das Schloss selbst – 1290 erstmals in einer Urkunde als Besitz des Ritters Diederich von dem Rodenberg erwähnt und im 17. Jahrhundert im Barockstil umgebaut – verfiel im 19. und 20. Jahrhundert. 1985 erwarb die Stadt Dortmund die Reste, ließ die Gebäude und den Park sorgfältig restaurieren und nutzt Haus Rodenberg heute u.a. für Trauungen, für Kurse der Volkshochschule – vor allem aber als beliebtes „Ristorante“. Und wenn am Mühlenteich im Biergarten von Pächter Giampaolo an einem warmen Sommerabend Pizza und Pasta serviert werden, denkt sicher niemand daran, dass hier im klevisch-märkischen Krieg 1420 ein blutiges Gemetzel stattfand.

Das dritte Schloss unserer Ferrari-Tour ist nur einen Katzensprung entfernt. Keine sechs Kilometer sind es bis Haus Opherdicke in Holzwickede. Es liegt idyllisch auf dem Kamm des „Ardeygebirges“ – eine bei Höhen von bis zu knapp 274 Metern über Normalnull zunächst etwas verwegen anmutende Bezeichnung. Aber wer einmal die felsigen Steilhänge und Taleinschnitte dieses langgestreckten Höhenzugs entlang der Ruhr gesehen hat, versteht die Namensgebung. Bis ins 12. Jahrhundert lässt sich die Geschichte von Haus Opherdicke zurückverfolgen. Die Entstehung folgt einem bekannten Muster: Zunächst eine wehrhafte Burg, die dann im 17. Jahrhundert nach dem Dreißigjährigen Krieg erneuert und umgebaut wird. Ein Wehrturm trägt die Jahreszahl 1695, der andere die Zahl 1726. Einziger Zugang zum prachtvollen Herrenhaus des Wasserschlosses ist auch heute noch eine Brücke. Die Wirtschafts- und Nebengebäude, die den Hof vor dem Herrenhaus begrenzen, wurden im 18. und 19. Jahrhundert gebaut. Ein Schlosspark, im englischen Landschaftsstil vermutlich vom Düsseldorfer Hofgärtner Maximilian-Friedrich Weyhe (1775 – 1846) angelegt, lädt zu Spaziergängen mit Blick ins Ruhrtal ein.

Seit 1980 ist Haus Opherdicke im Besitz des Kreises Unna, der das attraktive,
sorgfältig restaurierte Bauwerk für herausragende Konzerte und Ausstellungen
nutzt. Ich lasse mich wieder in den feinen Ledersitz des F12 sinken und drücke den
Startknopf. Der Motor heult kurz auf, obwohl mein Fuß noch auf der Bremse ist. So ist das halt, wenn man 740 PS unter der Haube hat. Ein Ferrari will nicht nur gesehen, er will auch gehört werden. Das Navi zeigt 28,1 Kilometer an bis zum letzten Ziel dieses Tages: Schloss Cappenberg auf dem Cappenberg im Ortsteil Cappenberg der Stadt Selm. Soviel Cappenberg muss sein – und so ungewöhnlich wie die Gebäude auf der Anhöhe am Rande des Münsterlandes ist auch die Geschichte. Sie waren schon im 11. Jahrhundert ein mächtiges Grafengeschlecht, die Cappenberger. 1121 zogen Gottfried und Otto von Cappenberg während der Investiturkriege in Münster ein und zerstörten große Teile der Stadt. Aus Reue, vermutlich auch aus Furcht vor dem drohenden Bann des Kaisers, gründete Gottfried 1122 auf dem Cappenberg das erste Prämonstratenserkloster im deutschsprachigen Raum, entsagte dem weltlichen Leben, richtete (wie aufmerksam) für Frau, Schwester und weitere adelige Damen gleich nebenan ein Frauenkloster ein – und blieb so straffrei.

Mehr als das: Nach seinem frühen Tod – er starb mit 30 Jahren – wurde er als Heiliger Gottfried verehrt. Und dazu machte ihn Annette von Droste-Hülshoff mit ihrem Gedicht „Die Gründung des Klosters Cappenberg“ unsterblich.
Auch Gottfrieds Bruder Otto trat in den Orden ein und vermachte den Prämonstratensern seinen Besitz. Er war 1122 Taufpate des späteren Kaisers Friedrich I. Barbarossa, der sich dafür um 1160 mit der Taufschale und dem Barbarossakopf aus vergoldeter Bronze bedankte, dem heute wohl berühmtesten Kleinod der Cappenberger Stiftskirche. Die romanische Kirche stammt noch aus dem 12. Jahrhundert. Die anderen Klostergebäude verfielen oder wurden im Dreißigjährigen Krieg zerstört. Die Abtei, so wie sie heute zu sehen ist, wurde im späten 17. Jahrhundert im Stil des Barock gebaut. Nach der Säkularisation wurde das Kloster als Schloss genutzt und kam 1816 in den Besitz des preußischen Staatsmanns Karl Freiherr vom und zum Stein, der es als Alterssitz nutzte. 1926 erbte die Familie der Grafen von Kanitz den Besitz.

Das Ruhrgebiet zu Füßen
Der Kreis Unna und der Landschaftsverband Westfalen-Lippe mieteten 1985 das Hauptgebäude und richteten dort ein Museum ein. Eine Dauerausstellung erinnert an Leben und Wirken des Freiherrn vom Stein, außerdem gibt es Konzerte und Wechselausstellungen. Auf dem Schloss-Gelände lockt die ehemalige Kegelbahn neben dem 1899 errichteten Wasserturm (hochsteigen lohnt!) mit einem
gemütlichen Café-Restaurant und einer Weinstube des Weinguts Graf von Kanitz
(Lorch im Rheingau). Und bei guter Sicht liegt den Schlossbesuchern auf der großen Terrasse das grüne Ruhrgebiet von Hamm bis Dortmund zu Füßen.
Nun aber rasch auf die Autobahn, unsere Pferdchen müssen zurück in den Stall. In 3,1 Sekunden auf 100 – denkste. Der Verkehrsfunk meldet „zähfließenden Verkehr“. Die Möglichkeiten, im Berufsverkehr Gas zu geben, sind bekanntlich gleich Null. Also lasse ich den Motor leise grummeln und genieße stattdessen auf der mittleren Spur die Blicke von links und rechts. Fürstlich!

Gregor Spohr

Teil 1 der Serie “Schlössertour” finden Sie hier.
Teil 2 der “Schlössertour” finden Sie hier.
Teil 3 der “Schlössertour” finden Sie hier.

* Weitere Informationen zum offiziellen Kraftstoffverbrauch und den offiziellen
spezifischen CO2-Emissionen neuer Personenkraftwagen können dem „Leitfaden
über den Kraftstoffverbrauch, die CO2-Emissionen und den Stromverbrauch neuer
Personenkraftwagen“ entnommen werden, der an allen Verkaufsstellen und bei
DAT Deutsche Automobil Treuhand GmbH unentgeltlich erhältlich ist.

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